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Gradnauer-Raum

Der Gradnauer-Raum war ursprünglich die Bibliothek des ehemaligen Kultusministeriums. Diese wurde am 13. Februar 1945 durch eine Fliegerbombe zerstört. 

Danach erfolgte der Umbau zum Konferenzraum. In den 90er Jahren wurde der Innenraum neu gestaltet und mit moderner Technik ausgestattet. Für eine bessere Akustik sorgen Ahornlamellen an der Decke. Der Raum bietet einen wunderbaren Blick über die Dresdner Altstadt und die Elbe sowie auf das heutige Finanzministerium am Carolaplatz.

Ministerpräsident Michael Kretschmer weihte den Gradnauer-Raum am 18. November 2022, dem 76. Todestag Georg Gradnauers, in einer feierlichen Zeremonie ein.

 

Gradnauer, Georg

Portraitfoto von Gradnauer, ein Mann im Anzug mit gezwirbelten Oberlippenbart © Stadtmuseum Dresden

1866 – 1946
Politiker, Journalist

Als langjähriger Dresdner Reichstagsabgeordneter, sächsischer Ministerpräsident und Begründer des Freistaats Sachsen 1918/19 sowie als Reichsinnenminister zählte Georg Gradnauer zu den maßgeblichen Befürwortern und Initiatoren einer parlamentarischen Demokratie auf föderaler Grundlage.

Nach 1918 gehörte er zu den wichtigsten Verfechtern einer Öffnung und Transformation der SPD von einer Klassen- zur Volkspartei.

  • Geboren am 16. November 1866 in Magdeburg
  • Gestorben am 18. November 1946 in Berlin
  • Grabstätte Friedhof (Grabstätte 1967 aufgelöst) in Berlin-Wilmersdorf
  • Konfession jüdisch, später evangelisch, spätestens 1912 konfessionslos
Tabellarischer Lebenslauf
Zeitraum/ Jahr Ereignis
von 1872 bis 1885 Schulbesuch (Abschluss: Abitur) Klostergymnasium Magdeburg
von 1885 bis 1889 Studium der Geschichte, Literatur und Philosophie Universität
Genf; Berlin; Marburg an der Lahn; Halle an der Saale
1889 Promotion (Dr. phil.) Universität Halle an der Saale
1890 Eintritt SPD
von 1890 bis 1896 leitender Redakteur Sozialistische Arbeiterzeitung (SAZ)
Dresden
von 1897 bis 1905 Redakteur SPD-Zentralorgan »Vorwärts« Berlin
von 1898 bis 1924 Abgeordneter der SPD (1898–1907, 1912–1919, 1920–1924) Reichstag; Nationalversammlung Berlin
von 1906 bis 1918 Chefredakteur Dresdner Volkszeitung (DVZ) Dresden
von 1918 bis 1919 Sächsischer Justizminister bzw. Volksbeauftragter Dresden
von 1919 bis 1920 Sächsischer Innenminister (1919) und Ministerpräsident Dresden
von 1921 bis 1921 Reichsminister des Innern Berlin
von 1921 bis 1932 Sächsischer Gesandter beim Reich Reichsrat Berlin
von 1933 bis 1944 Ruhestand Kleinmachnow (Brandenburg)
von 1944 bis 1945 Deportation und Inhaftierung Ghetto Theresienstadt
Theresienstadt (heute Terezín, Tschechien)
1945 Befreiung und Rückkehr nach Deutschland Kleinmachnow

Gradnauer wuchs in einer kulturell assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie in Magdeburg auf. Nach dem Abitur studierte er seit 1885 Geschichte, Literatur und Philosophie in Genf, Berlin, Marburg an der Lahn und Halle an der Saale, wo er 1889 bei Gustav Droysen (1838–1908), dem Sohn des berühmten Historikers Johann Gustav Droysens (1808–1884), mit einer staatsrechtlich orientierten Arbeit über den französischen Politiker Honoré Gabriel de Riqueti, comte de Mirabeau (1749–1791) zum Dr. phil. promoviert wurde.

Nach seiner Militärdienstzeit als Einjährig-Freiwilliger 1889/90 wandte sich Gradnauer der kurz zuvor wieder legalisierten Sozialdemokratie zu, für die er in Riesa und Dresden erste Redaktionsstellen übernahm. In Dresden avancierte er 1890 zum leitenden Redakteur der »Sozialistischen Arbeiterzeitung« (SAZ) und einflussreichen Lokalpolitiker.

1893 noch erfolglos, erwarb er hier 1898 im zweiten Anlauf und trotz antisemitischer Hetze von Seiten der Deutschsozialen Reformpartei ein Reichstagsmandat (erneut 1903, 1912, 1919 und 1920). 1897 holte Wilhelm Liebknecht (1826–1900), der Chefredakteur des SPDZentralorgans »Vorwärts«, Gradnauer als politischen Redakteur nach Berlin.

Hier wirkte er mit Kurt Eisner (1867–1919) im reformsozialistischen Sinne und bot unter anderem Eduard Bernstein (1850–1932) eine publizistische Plattform. Im dadurch ausgelösten »Vorwärts«-Streit wurde er 1905 mit der Redaktionsmehrheit vom SPD-Parteivorstand unter Führung August Bebels (1840–1913) aus der Redaktion gedrängt. Gradnauer kehrte anschließend nach Dresden zurück und übernahm im April 1906 die Chefredaktion des SAZNachfolgers »Dresdner Volkszeitung«.

Im Ersten Weltkrieg gehörte er zu den Befürwortern der »Burgfriedenspolitik« der SPD-Mehrheit und rückte im Januar 1916 im Zuge der Fraktionsspaltung als begabter Redner in den Vorstand der
Reichstagsfraktion auf.

In der von SPD und USPD gebildeten sächsischen Revolutionsregierung leiteteGradnauer seit dem 15. November 1918 das Justizressort. Nach dem Austritt der USPD-Vertreter Anfang 1919 wurde er zusätzlich Innenminister und im
März 1919 gewählter Ministerpräsident einer SPD-Minderheitsregierung. Trotz des Widerstands in der SPD Volkskammerfraktion setzte er sich im Frühherbst 1919 mit seiner Forderung nach Bildung einer sozialliberalen Koalition mit der Deutschen Demokratischen Partei durch.

Gradnauer begriff dieses Bündnis als Brückenschlag zwischen demokratischer Arbeiterbewegung und demokratischem Bürgertum. Gleichzeitig propagierte er mit einigem Erfolg eine Öffnung der SPD in Richtung einer sozialdemokratischen Volkspartei. Im Zuge des Kapp-Putsches verlor er im April 1920 das Amt des Ministerpräsidenten.

Seit Mai 1921 amtierte Gradnauer als Reichsminister des Innern im ersten Kabinett Joseph Wirths (1879–1956), konnte in diesem Amt jedoch kaum politische Akzente setzen, da die Regierung aufgrund außenpolitischer
Turbulenzen bereits Ende Oktober 1921 zurücktrat.

Gradnauer wechselte anschließend in den sächsischen Staatsdienst und war bis zum Eintritt in den Ruhestand im Februar 1932 als Sächsischer Gesandter und bevollmächtigter Minister im Reichsrat tätig. In dieser Stellung setzte er sich mit wechselndem Erfolg vor allem für sächsische Wirtschaftsinteressen ein. Zudem trug er 1923 nach dem gescheiterten kommunistischen Umsturzversuch (»Deutscher Oktober«) und der folgenden Reichsexekution gegen Sachsen in parteipolitischen Verhandlungen zu einer raschen Regierungsbildung in Dresden bei.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme erfuhr Gradnauer vor allem aus rasseideologischen Gründen Ausgrenzung und Verfolgung. Eine in der Forschung häufig behauptete Verhaftung 1933 wurde von ihm selbst 1945/46
nicht bestätigt. Nach dem Tod seiner Frau 1940 und dem 1941 erzwungenen Verkauf seines Hauses wurde er in einem Judenhaus am Alterswohnsitz Kleinmachnow (Brandenburg) einquartiert. Die im Januar 1944 erfolgte Deportation in das Ghetto Theresienstadt überlebte er – anders als seine Schwester – dank des dort für ihn geltenden »Prominentenstatus«.

Im Mai 1945 befreit, kehrte er nach Kleinmachnow zurück, trat erneut der SPD bei und wurde im April 1946 in die SED übernommen. Mit der Berliner SPD blieb er gleichwohl eng verbunden, die 1946 nach dem Tod Gradnauers eine große öffentliche Trauerfeier ausrichtete und seine Beisetzung in Berlin-Wilmersdorf organisierte.

Auszeichnungen:

  • 1920 Mitglied der Programmkommission der SPD
  • 1921 Beisitzer im vorläufigen Staatsgerichtshof beim Reichsgericht in Leipzig
  • 1921 Mitglied des Reichsdisziplinarhofs
  • 1950 Gradnauerstraße, Kleinmachnow (Brandenburg)
  • 2008 Stolperstein in Kleinmachnow, vor dem Haus Wendenmarken 108.
 

Autor

Schmeitzner, Mike (Dresden), »Gradnauer, Georg« in: NDB-online, veröffentlicht am 01.03.2022

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